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Dienstag, 21. April 2015

Zwischen den großen Zahlen verschwinden

Die Überlebenden der abscheulichen Tragödie dieser letzten Tage sind in dieser Nacht im Hafen in Catania angekommen. 950 vermisste Menschen und dazu neue Opfer vom Schiffbruch, der sich heute  Nacht im agäischen Meer ereignete, und andere Vermisste auf See vor der Küste Libyens. Die ungeheuerlichen Zahlen der letzten Tragödien scheinen diejenigen, die seit Monaten und Jahren bereits alles Mögliche an falschen Versprechungen  gehört haben, die Sprache zu verschlagen. Aber gerade aufgrund der Heuchelei und des Opportunismus offizieller Diskurse ist es unabdinglich, dass die Stimmen derjenigen Gehör finden, die fundierte und tiefgehende Analysen und Berichte der schockierenden aktuellen Meldungen zu vermitteln versuchen.
Von diesen großen Zahlen sind die Medien in aller Welt bereit zu berichten, und jede/r institutionelle VertreterIn fühlt sich, zu recht, angesprochen und in den meisten Fällen verpflichtet, schnell Empfehlungen und Ratschläge zu veröffentlichen, um die schlimmsten Auswirkungen dieser Situationen abzumildern. Die immer häufigeren Schiffbrüche haben dazu geführt, dass sich Erzählungen und Zeugenaussagen über die Zustände, in denen sich die Migranten bei der Abreise - vor allem in Libyen – befinden, verbreitet haben. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung und hat den Vorzug, ein realistischeres geopolitisches Bild des Migrationsphänomens zu schildern und sich endlich mit den seit langen von Migranten und Aktivisten hervorgebrachten Anliegen und Beschwerden zu verbinden.
Dies gilt auch für die Beschreibung der Meerreise. Letzten Juli sind 49 Migranten ums Leben gekommen, weil sie, im Gegensatz zu den anderen Mitreisenden, im Laderaum eines Boots eingesperrt waren. Seitdem hat sich an dieser Unterscheidung zwischen Fahrgästen der ersten, zweiten oder dritten Klasse nichts geändert. Flüchtlinge erzählen von abscheulichen Erfahrungen bei der Einschiffung. „Meinen Freunden aus Gambia und mir wurden die Arme und Beine mit unserer eigenen Kleidung gefesselt, damit mehr Personen in den Laderaum eingeschifft werden könnten. Ich konnte mich nicht einmal von meinem eigenen Erbrochenen säubern und mühte mich ab, um genug Platz zum Atmen zu haben. Andere Passagiere aus Nigeria wurden gefesselt, weil sie, so die Schleuser, zu „aufgeregt“ gewesen seien und Probleme hätten verursachen können. Wenn der Schiffsmotor ausfällt und der Seerettungsdienst uns nicht schnell genug erreicht, bricht die Hölle aus. Viele werfen sich lieber ins Meer, um dieser Situation zu entkommen. Ich hatte Glück, da mein Boot einem Frachtschiff begegnete: Meine Reise hat nur 16 Stunden gedauert. Es wäre sicher nicht das gleiche gewesen, wenn wir auf den Seenwache hätten warten müssen“. L., der seit zwei Monaten in Italien ist, hat uns diese Geschichte erzählt. Wie die seine, erlauben uns viele andere Erzählungen, eine vage Idee der Reise auf einem solchen Schiff zu erhalten. Das Überleben wird dem Zufall überlassen, und für die Flüchtlinge aus Schwarzafrika – aus Eritrea, Sudan, Pakistan, Bangladesch – kann schon die Reise vor der Überfahrt extrem gefährlich werden. Dies sind aber Geschichten, die nicht zur Geltung kommen. Die Medien sind darauf konzentriert, „eklatanteren“ Nachrichten wiederzugeben, wie der vermutete Streit zwischen Muslimen und Christen auf einem Boot im Meer .
Unter dem Gesetz der großen Zahlen  ist es sehr einfach, zu verschwinden. Auch wenn man endlich das europäische Festland erreicht, wird die Situation nicht einfacher. Da die Erstaufnahme noch und ungerechtfertigt als Notsituation organisiert ist, sieht sie die Verlegung der Flüchtlinge in überfüllte Zentren vor allem innerhalb Siziliens vor. Die Neuzugänge werden nach Pala Nebiolo und zur Ex-Kaserne Bisconti in Messini verlegt; manche auch zur CARA* in Salinagrande und Pian del Lago. Andere werden in ein neu eröffnetes CAS* in der Region um Ragusa gebracht, dessen Nachhaltigkeit fragwürdig ist. Lediglich eine entschlossene Stellungnahme der Ragusa-Präfektur vermied ein länger andauerndes Aufhalten von fast 500 Migranten des CPSA* von Pozzallo. Diese hatte dazu geführt, dass 300 Flüchtlinge eine Nacht lang im Freien auf die partielle Verlegung von anderen dort angesiedelten Flüchtlingen warten mussten, während sich die Situation jetzt mit der letzten Verlegung der Neuzugänge am Sonntag auf 150 Personen stabilisiert hat. Die Ansammlung von so vielen Menschen folgt offensichtlich der „wirtschaftlicher“ Logik und nicht des Flüchtlingsschutzes, wenn man die ständigen Verlegungen der Neuzugänge in das Cara von Mineo beachtet. Die Entscheidung die Überlebenden des Schiffbruchs vom Samstag im Cara unterzubringen, ist skandalös, vor allem nachdem die Staatsanwaltschaft einige Untersuchungen veröffentlicht hat: ein mutmaßliches Menschenhändlernetz, das die Logistikbasis als Zentrum hatte, steht unter Verdacht, an der Organisation der tragischen Reise teilgenommen zu haben.
Das Schicksal dieser Flüchtlinge ist es, mit großer Wahrscheinlichkeit, eine Nummer unter den Hunderten und Tausenden anderen Gäste zu werden, die in den großen Flüchtlingsunterkünfte ankomme. Dort wo der gesetzlich vorgeschriebene Schutz ein Privileg oder ein Luxus für Wenige wird. Die großen Zahlen blenden, bevorzugen diejenigen, die sich auf die Notsituation berufen, und vor allem verbergen sie die Sicht auf Menschenrechtsverletzungen, indem keine individuelle medizinische Fürsorge, keine soziale und psychologische Hilfe, und keine juristische Unterstützung für jahrelang wartendende Flüchtlinge sichergestellt wird. Um nicht über Möglichkeit, eine neue Zukunft zu gestalten oder sich in der neuen Gesellschaft zu integrieren, zu sprechen: Dies ist noch ein fehlender Aspekt, der immer wieder von den Gestaltern der Erstaufnahme betont wird, der aber dann der Praxis und Struktur der Zentren nicht entspricht.
Es gibt viel zu tun - jetzt ist es schwieriger als je zuvor – damit angesichts dieser Tragödie der Fokus nicht nur auf die großen Zahlen, die potentielle herunterstehenden Profite in sich tragen , steht, sondern der Fokus auf die Menschlichkeit hinter diesen Zahlen zurückzugewinnen, um darauf reagieren zu können.
Lucia Borghi- Borderline Sicilia Onlus

Aus dem Italienischen von Miriam Burbarelli

*CARA: Centro di accoglienza per richiedenti asilo: Aufnahmezentrum für Asylsuchende
*CAS: Centro di accoglienza straordinaria, außerordentliches Aufnahmezentrum
*CSPA: CSPA - Centro di Soccorso e prima Accoglienza: Zentrum zur Ersten Hilfe und Erstaufnahme